Die Russen haben wieder eine Mauer hochgezogen. Ich habe sie heute selbst gesehen. Nicht wie unlängst um ihre Unionsstaaten, sondern nur noch eine um ihr Kernland. Die Mauer ist im Schnitt zwischen 1,60 und 1,70 Meter hoch, am oberen Ende meist geformt wie Angela Merkels Bubikopf aus politischen Anfangstagen, in der Mitte je nach Dienstjahren bereift und berockt oder noch drahtig mit Hüfthosen und Highheels und ist hauptsächlich weiblich (es heißt ja auch „die“ Mauer). Und wenngleich diese Mauer sich nur um Russland legt, beginnt sie paradoxerweise doch viele hunderte Kilometer davor, im russischen Konsulat in Riga. Ich bin ja nicht gerade ein Experte für Reisen ins nichteuropäische Ausland, aber ich schätze mal, dass ich mit der Theorie so falsch nicht liege, dass es vermehrt Nichtrussen sein werden, die ein russisches Visum beantragen müssen. Netterweise ist das gesamte Konsulat vom Türschild weg ausschließlich in kyrillisch ausgeschildert. Inklusive dem Antragsformular. Ob sie eines auf englisch für mich hätten? Ja ist da keines mehr? Das lange Suchen beginnt und ich befürchtete schon, dass erst in fünf Jahren wieder die nächsten gedruckt werden. Continue reading »
Kurzer Überblick: Bisher bin ich etwa 10 1/2 Wochen unterwegs, habe mich per pedes, Autostopp, Bus, Zug und Fähre ca. 4.600 Kilometer durch Europa bewegt und will jetzt wissen, was der Spaß bisher so gekostet hat. Es ist Zeit für einen ersten Kassasturz. Und siehe da, rein für Unterbringung und Transport (öffentlicher Nahverkehr in den Städten ausgenommen) musste ich bisher 820 Euro abtreten. Inklusive dem nächsten Teilstück (über 160 Stunden nonstop im Zug nach Vladivostok), stehe ich bei knapp 14.000 Kilometern in 11 1/2 Wochen und Ausgaben von etwa 990 Euro. Gefällt mir. Gut, was ich für Amüsement, Rausch- und Katerpflege ausgegeben habe, das lassen wir jetzt dem Seelenfrieden meiner geschundenen Geldbörse wegen lieber ungenannt, aber der Mensch lebt ja nicht vom Brot allein und mein Pläsier gibt es nicht umsonst.
Raus aus Stockholm, ab nach Riga und weiter nach Moskau. Die Reise nimmt Fahrt auf.
Punkt 17 Uhr, die Fähre von Stockholm nach Riga legt ab. Und damit sind die Spiele eröffnet. Wie auf Kommando reißen hunderte Menschen mitgebrachte Dosen und Flaschen auf und stürzen sich mit von mir noch nie beobachteter Geschwindigkeit über die Klippe in die Tiefen des Rausches. Bereits nach dreißig Minuten ist nichts mehr vom adretten Ambiente des Schiffs und seiner Passagiere übrig. Tiere drängen sich durch die Gänge und über die Treppen, Jägermeister-, Vodka-, Sekt- und Bierflaschen in ihren Krallen und Pfoten. Das ist das ganz das große kollektive Besäufnis. Und ich, ich habe das ausgesprochene Glück, mit drei Litauern in der Kabine zu hocken. Sie füttern mich mit Fleisch, als ob ich kurz vor dem verhungern stünde. „Nein danke. Vielen, vielen Dank, aber ich bin jetzt wirklich satt“, ein Satz, den man sich bei dieser Truppe schenken kann. Mit Gestern des Entsetzens werde ich geradezu genötigt, weiter zu essen. Und dann der Fusel. Da geht noch mehr in mich rein. „Aha?“ – „Ja.“ Gesprochen wird mit einem interessanten Mix aus zwei Prozent Englisch, zwei Prozent Deutsch, 20 Prozent Litauisch und 76 Gestensprache die fast nur aus gurgelnd-pfeiffenden Lauten besteht. Woher ich bin? Aus Österreich. „Ah, dann bist du sicher auch so ein Nationalist wie ich, richtig?“ Continue reading »
Leider hat sich meine Speicherkarte dazu entschlossen, einige Bilder von Stockholm zu fressen, aber es sei an dieser Stelle versichert: Stockholm ist eine wunderschöne Stadt, prächtig gebaut, großzügig angelegt und an jeder Ecke sieht sie ein wenig anders aus. Dort ein wenig Cannes, hier ein bisschen Venedig, dazwischen plötzlich ein Eck Dublin, dann sogar eine Straße wie in Graz…
Wald, Wasser, Weite. Das ist Schweden. Ich bin nun knapp zwei Wochen in Åfallet. Was als Experiment begann, wuchs sich zu einem glatten Wandel von Perspektiven auf so viele Dinge aus. Wir leben hier ohne Stromanschluss, ohne fließend Wasser und takten uns mit dem Lauf der Sonne synchron. Fehlt mir etwas? Definitiv. Hektische Menschen, Zivilisationsprobleme, Feinstaub, Lärm, Irrwege. Mangelt mir an etwas? Definitiv nicht. Die Schönheit der Natur, von der wir uns im Fortschrittswahn immer schneller immer weiter entfernen, holt mich hier mit beschaulicher Geduldsamkeit wieder ein. Nach eineinhalb Wochen teils harter Arbeit, die mich den verdienten Wert einer Mahlzeit wieder schmecken ließ, lasse ich am heutigen Tag die Seele baumeln. Ich bin mit dem Kanu am Herzsee unterwegs, paddle über pechschwarzes Wasser welches nicht einmal einige Zentimeter Sicht unter meinem Kiel freigibt, bedeckt von immensen Wolkenformationen und begrenzt von Wald und gletschergeschliffenen Felsen. Ab und an bricht die Sonne durch und wirft ein magisches Silber auf den See, dessen Äußeres sich sacht im Wind kräuselt. Von allen Seiten erreichen mich Vogelstimmen, teils vertraute, teils unbekannte. In dieser lieblichen Kakophonie der schwedischen Gefiederwelt sitze ich nun und schreibe diese Zeilen in mein Notizbuch, während zwei mächtige Adler Beute in den Horst direkt über mir bringen. Würde ich es nicht gerade selbst erleben, ich würde die Szene für eine fiebrige Erzählung eines surrealen Traums halten. Continue reading »
Skydda Skogen – Schützt den Wald, so lautet der Name jener Naturschutzorganisation, deren umtriebiges Mitglied Viktor Säfve, mein Gastgeber in Åfallet, ist. Er hat sich der Rettung der Wälder verschrieben, der schwedischen Urwälder, um genau zu sein, und seine Sicht der Dinge macht schnell klar, warum das nicht nur nobel, sondern schlichtweg lebensnotwendig ist. Sofern sich keine Zahlendreher in meine Notizen geschlichen haben, dürfen die nachstehenden Angaben als gegeben erachtet werden, weiterführende Links – auch und vor allem – zu Quellen, weiteren Zahlen, Daten, Fakten und weiterführende Links finden sich am Ende des Artikels.
Nun zur Sache: Schweden hat eine Gesamtfläche von 41 Millionen Hektar, davon sind gut 23 Millionen Hektar Nutzwaldfläche. Etwa 20 Prozent sind in staatlichem Besitz, die restlichen 80 Prozent teilen sich etwa 320.000 Privatbesitzer. Unter dem Strich sollte das genügend Wald für genügend Menschen bedeuten. Doch leider macht auch hier die Gier einen Strich durch die Rechnung. Continue reading »
So sehr mich Kopenhagen positiv überrascht hat, gedanklich war ich schon in Schweden unterwegs. Eine Auszeit sollte es werden, auf einem Bauernhof 550 Kilometer nordöstlich von Kopenhagen. Und ich wollte per Anhalter dorthin reisen, mein Reisebudget schmilzt ohnehin schon viel zu schnell im teuren Skandinavien. Von Kopenhagen aus führen zwei Routen nach Schweden, eine nördliche und eine südliche. Nach reiflichem Planstudium entschied ich mich für die nördliche, doch Google Maps und alle von mir befragten Dänen drängten mich zur Südroute. Schwerer Fehler. Ich marschierte also in der Früh mit einem Karton (Örebro, E20 oder Norköpping, E4) zum südlichen Autobahnzubringer am Rande Kopenhagens. Da stand ich also und war gespannt. Der erste Fahrer hielt an. Er fahre zum Flughafen. Das kam mir ungünstig vor, also fragte ich ihn, ob das denn auch günstiger für mich sei. „Nein“ war die Antwort und für mich das Gespräch beendet. Nach insgesamt vierzehneinhalb Minuten der nächste Fahrer: Er könne mich nach Malmö bringen und an einem guten „Hitchhiker-Spot“ rauslassen. Gesagt, getan, zehn Minuten später saß ich in Schweden. Fest. Es begann gleich an der Grenze. Continue reading »
Von Kopenhagen via Malmö nach Örebro und dann zwei Wochen in den Wald nach Åfallet und weiter bis Stockholm:
Daenemark. Ein Grazer Kind wird hierher entfuehrt, Ministerin Fekter laesst in Kopenhagen eine PK wegen Nierensteinen platzen (oder so aehnlich, wen kuemmerts?), ich laufe mir in der Stadt, die einfach viel groesser und grosszuegiger angelegt ist, als ich mir es jemals ertraeumt haette, die Fuesse platt, Christiania schockt mich, denn es vermittelt den grausam geplatzten Traum eines besseren Ortes, doch wenigstens bleibt mir eine gemuetliche Bar mit ausgezeichnetem Bier (jaja, die koennens auch, die Daenen, das Bierbrauen) und am Ende eine schrecklich amuesante Erkenntnis. Doch zuvor hoerte ich mir noch einmal eine profunde Meinung ueber Christiania an. Von jemandem, der dort arbeitet. Der die Menschen kennt, der auch den Unterschied sieht. Ich habe ihm mein Bild von diesem Hippie-Camp mitgeteilt und er hat sofort gewusst wovon ich rede. “Das ist das Christiania, das nur Touristen zu Gesicht bekommen, das wahre Gesicht verbirgt sich.” “Und was kann ich tun, um hinter die Kulissen zu blicken?” Continue reading »








